1. Ressourcen-provozierende Methoden:

 

1.1 Paradoxe Intention

 

1929 von V. Frankl entwickelt, 1938 erstmals publiziert, ist sie eine über Jahrzehnte erprobte Methode, die mittels Humor die Erwartungsangst durchbricht und die Selbstdistanzierung mobilisiert. Diese aktiviert den Patienten gegenüber seiner inneren Einstellung zur Angst und holt ihn aus der Opferrolle in der Erwartungsangst heraus. „Solche Therapie ist keine symptomatische; im Gegenteil: sie kümmert sich nicht viel um das Symptom, sondern wendet sich an die Person des Patienten – so zwar, daß sie um eine Änderung seiner Einstellung bemüht ist.“ (Frankl, 1959, 728).

 

Indikation: Erwartungsangst, Angst vor konkreten Situationen, z. B. Soziale Phobie und Blasenschwäche

 

1.2 Dereflexion

 

Das übermäßige Beobachten an sich autonomer Vorgänge kann deren natürlichen Ablauf stören oder verhindern. Durch die übermäßige Aufmerksamkeit auf eine angstmachenden Situation wird die Angst verstärkt, dadurch wird wieder die Aufmerksamkeit verstärkt, wodurch wieder die Angst verstärkt wird... (= Hyperreflexion).

Ziel der Dereflexion ist es, diesen neurotisierenden Hyperreflexion-Zirkel (Zwangszirkel) zu durchbrechen, indem die übertriebene Aufmerksamkeit von einem Symptom bzw. einem natürlichen Vorgang abgezogen wird. Die Methode zielt ähnlich wie bei der Paradoxen Intention nicht auf das emotionale Erleben der Ängste und deren Entstehungsgeschichte ab, sondern provoziert die Selbsttranszendenz-Fähigkeit der Person und damit ihre Weltoffenheit und Dialogfähigkeit.

 

Indikation: u.a. Sexual- und Schlafstörungen, Angst vor Kontrollverlust, Zwangsgedanken

 

1.3 Methode der Einstellungsänderung

 

Bestimmte Lebenshaltungen und -erwartungen können den Menschen sehr von der Wirklichkeit und den Möglichkeiten seines Daseins entfremden. Bei Angst vor Veränderung oder unflexiblen und starren Einstellungen, wird das Handeln nicht mehr mit der Situation abgestimmt, sondern stammt aus Vorentscheidungen. Dadurch geht die Offenheit für die Situation verloren, und damit ist die Möglichkeit existentiellen Sinns eingeschränkt.

 Ziel ist es hier nicht, dem Patienten von außen eine andere Einstellung nahezulegen; vielmehr soll der Patient selbst dazu geführt werden, Einsicht in unrealistische oder lebensfeindliche Einstellungen zu gewinnen und neue Grundhaltungen zu entwickeln, auf deren Basis existenzielles Leben gelingen kann.

Diese Methode dient der Bearbeitung von Einstellungen über die Schritte: Wertehierarchie prüfen, Horizonterweiterung, auf Distanz gehen, phänomenologische Haltung.

 

Indikation: Angst vor Veränderung, Vorurteile, Fixierungen

 

 

2. Ressourcen-mobilisierende Methoden:

 

2.1 Methode der Personalen Positionsfindung ("PP")

 

Methode zur Bearbeitung von Passivierungsgefühlen und generalisierenden Annahmen bei Ängsten und Depressionen.

Über drei Schritte wird Position bezogen:

Position nach außen ("feststellen", was real der Fall ist),

Position nach innen ("sich einstellen" auf die eigenen Fähigkeiten und Kräfte),

Position zum Positiven („sich dazustellen“ zum Wert, um den es einem in der Situation geht.).

Die Methode ergänzt die Dereflexion Frankls, indem sie zum eigentlichen Dereflektieren heranführt und freigibt.

 

2.2 Willensstärkungsmethode ("WSM")

 

Die Willensstärkungsmethode ist eine Methode zur Entscheidungsfindung bzw. Stärkung der Entschiedenheit, der Durchhaltekraft und des Ausführungsverhaltens bei willentlich angestrebtem Vorhaben.

5 Schritte: Grundarbeit, Problemarbeit, Ver-Innerlichung, Sinnhaftigkeit und Festigung des Willens.

 

Indiziert ist die Methode bei allen Störungen des Willens, bei denen es um die Überwindung von Unangenehmem geht (z.B. bei Lernen, Gewichtsabnahme), bei Unentschiedenheiten, Unklarheiten oder Zweifeln bezüglich des Wollens (z.B. wenn man nicht wirklich weiß, ob man eine Therapie beginnen will, ein Studium fortführen oder in einer Beziehung bleiben will) oder bei fehlender Durchhaltekraft, wenn also der Wille nicht stark genug ist, ein angestrebtes Ziel zu Ende zu verfolgen (was oft als “Willensschwäche” ausgelegt wird), was besonders bei kleinen Abhängigkeiten (Pralinen, Fernsehen) und Süchten (Nikotin, Alkohol, Bulimie u.a.) eine Rolle spielt.

 

2.3 Sinnerfassungsmethode ("SEM")

 

Methode zur Erarbeitung des existentiellen Sinns. Abfolge von vier Schritten:

1. Wahrnehmung ( Realitätsbezug)
2. Werten ( Wertbezug)
3. Wählen ( Freiheitsbezug)
4. Wirken ( Handlungsbezug)

 

 

3. Prozesshaft, persönlichkeitentwickelnde Methoden:

 

3.1 Personale Existenzanalyse ("PEA")

 

Zentrale Methode der existenzanalytischen Psychotherapie zur Behandlung von Traumata und Defiziten. Der persönlichkeitentwickelnde Prozess erfolgt über drei Schritte: nach der Beschreibung des Vorgefallenen (PEA-0), Heben des Eindrucks und seiner Affekte (PEA-1), Stellungnahme (PEA-2) und Finden des Ausdrucks (PEA-3).

Sie ermöglicht schrittweise eine Annäherung an ein authentisches, ganzheitliches und entschiedenes Erleben und Handeln. 

 

Indikation: Traumatisierung, Persönlichkeitsstörungen, Borderline-Persönlichkeitsorganisation, neurotische Störungen, Essstörungen, Sucht, Verhaltensstörungen, Sexuelle Störungen, Persönlichkeitsentwicklung, Behandlung von Defiziten wie z. B. Selbstwertstörung, mangelndes Selbstvertrauen...

 

3.2 Varianten im Prozesszugang zur PEA

 

3.2.1 Biographische Existenzanalyse ("BEA")

 

Die Personale Existenzanalyse eignet sich auch als Methode zur Durcharbeitung biographischer Inhalte. In einer speziellen Adaptation wurden ihre Schritte Kernstück der biographischen Vorgangsweise in der Existenzanalyse.

 

3.2.2 Perspektiven – Shifting

 

Die Methodik beruht darauf, aus einer anderen als der vertrauten Perspektive ein Ereignis anzuschauen. Damit kann es möglich werden, über die bislang verfestigte Interpretation zu diesem Ereignis den Eindrucksgehalt in seiner Wirkung neu zu erleben bzw. wahrzunehmen, um anschließend zu neuen Stellungnahmen zu gelangen.

 

3.2.3 Imagination

 

Neben der genuinen existenzanalytischen Vorgangsweise des Gesprächs haben sich imaginative Verfahren entwickelt, wie die Traumarbeit (Kunert 1998) und das existentielle Bilderleben (Popa W 1992, 2001).

 

Überblick über die existenzanalytischen Methoden:

 

Ressourcen-provozierend

Ressourcen-mobilisierend

Prozesshaft, persönlichkeitsbildend

Zugangsvarianten

Paradoxe Intention

Personale Positionsfindung

PEA

Perspektivenshifting

Dereflexion

Willenstärkungsmethode

Imagination

Einstellungsänderung

Sinnerfassungsmethode

Biografie

 

 

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Literaturhinweise:

 

Längle S (2001) ; Die Methodenstruktur der Logotherapie und Existenzanalyse. In: Existenzanalyse 18, 2/3, 19 - 30

 

Ad Selbstdistanzierung und Selbsttranszendenz (ua):

Frankl V (1996) ; Die Sinnfrage in der Psychotherapie. München: Piper, 6°

Frankl V (1997); Der Mensch vor der Frage nach dem Sinn. München: Piper, 7°

 

Ad Einstellungsänderung:

Längle A (2000) ; Die Methode der Einstellungsänderung. In: Stumm G., Pritz A. (Hrsg.) Wörterbuch der Psychotherapie. Wien, Springer

 

Ad Personale Positionsfindung:

Längle A (1994) ; Personale Positionsfindung. In: Bulletin der GLE 11, 3, 6-21

Längle A (1994) ; Personale Positionsfindung. In: Bulletin der GLE 11, 3, 6-21

Längle A (1997); Die personale Positionsfindung (PP) in der Angsttherapie. In: Hofmann P., Lux M., Probst Ch., Steinbauer M., Taucher J., Zapotoczky H.-G. (Hg.). Klinische Psychotherapie. Wien/New York: Springer, 284-297

Fischer-Danzinger D, Janout U (2000); Die Personale Positionsfindung. In: Existenzanalyse 17, 1, 42-46

 

Ad Willenstärkungsmethode:

Längle A (2000) ; Die Willensstärkungsmethode (WSM). In: Existenzanalyse 17, 1, 4-16

 

Ad Sinnerfassungsmethode:

Längle A (1988); Wende ins Existentielle. Die Methode der Sinnerfassung. In: Längle A (Hrsg) Entscheidung zum Sein. V. E. Frankls Logotherapie in der Praxis. München: Piper, 40-52

Längle A, Orgler Ch., Kundi M. (2000); Existenzskala ESK. Göttingen: Hogrefe-Beltz Drexler H (2000) Schritte zum Sinn. Die Methode der Sinnerfassung. In: Existenzanalyse 17, 1, 36-41

 

Ad Personale Existenzanalyse:

Längle A. (1993); Personale Existenzanalyse. In: Längle A. (Hrsg.) Wertbegegnung. Phänomene und methodische Zugänge. Wien: GLE, 133-160

 

Ad biografische Existenzanalyse:

Längle A (1994); Die biographische Vorgangsweise in der Personalen Existenzanalyse. In: Kolbe Ch. (Hrsg) Biographie. Verständnis und Methodik biographischer Arbeit in der Existenzanalyse. Wien: GLE, 9-33

Tutsch L, Luss K (2000); Anleitung für die biographische Arbeit in der Existenzanalyse - Biographische Existenzanalyse (BEA). In: Existenzanalyse 17, 1, 31-35

 

Ad Perspektivenshifting:

Kolbe C (2000) ; Perspektiven-Shifting. In: Existenzanalyse 17, 1, 17 - 20

 

 

Ad Imagination:

Wicki B (2000); Die Einbindung des katathymen Bilderlebens in die personale Existenzanalyse. In: Existenzanalyse 17, 1, 49-53

 

 

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